Brush Lettering: Wie wollen wir leben?

“Entschuldigung, ich glaube ich war zuerst dran!” blafft mich die Lady unsanft von der Seite an, als ich im Bio-Markt meine Crunchies bezahlen will. Stimmt, sie kam vor mir in den Laden, stand aber an einer anderen Kasse rechts von mir an. Dass der Kassierer in meiner Schlange fixer war, spricht für mein gutes Karma, aber hat der Dame wohl so gar nicht gepasst.

Statt zu diskutieren nicke ich also und lasse sie vorbei. Ist ja keine Sache, ich bin weder in Eile noch kleinlich. Trotzdem verwirrt mich ihre Hektik und Entschiedenheit für einen Moment doch sehr. Während sie gehetzt bezahlt und in Windeseile aus dem Laden stürmt, fühle ich mich unheimlich ruhig und ausgeglichen. Irgendwie überlegen. Weil ich eben so einen klassischen “deutsche Korrektheit-Moment” erlebt habe, mit dem ich selbst so gar nix anfangen kann. So ein Moment, der eigentlich nur nervt, weil er voller Tugenden und Bla steckt – höflich sein, brav anstehen und ganz wichtig: wer zuerst da war, kommt zuerst dran.
Das funktioniert so in Deutschland, das kriegen schon die ganz Klitzi-Kleinen eingeimpft, wenn sie noch coole Wildheit in sich tragen. Schrecklich finde ich das.

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In solchen Momenten sehne ich mich dann nach dem Chaos-Approach der Italiener. Da wird einfach in einem großen Pulk gewartet und sich dabei nett unterhalten, gerne auch mal diskutiert und geflirtet. Dran kommt, wer am lautesten schreit. Aber im Grunde hat man ja eh alle Zeit der Welt.

Mir ist es auf jeden Fall in diesem Augenblick durch den Kopf gejagt und hat mich echt gestört, dass diese vermeintlichen Regeln in meiner Stadt oder vielleicht sogar ganz Deutschland so in Stein gemeißelt scheinen: Regel #1: Die busy Frau kommt zuerst dran, denn schließlich war sie vor mir da. Regel #2: Man steht brav in der Schlange an und wartet, bis man dran ist. Regel #3: Wir sind alle schwer in Eile und müssen zack zack weiter.

Mein Übersehen dieser Tatsachen musste sofort kommentiert und das gültige Recht beanstandt werden. Als wäre das ein Gesetz. Was für ein Blödsinn.

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Da lebe ich doch lieber nach meinen eigenen Regeln. Klar, bin ich auch mal typisch-deutsch korrekt, aber ich lobe mir einfach mehr Leichtigkeit im Leben: Schlendere in Ruhe durch den Bio-Markt und lasse Menschen an der Kasse vor, bevorzuge den Chaos-Approach statt To-Do-Listen, quetsche mich in die abfahrende S-Bahn auch wenn alle mit den Augen rollen und mache meinen Mund auf, wenn ich sehe, dass jemand unfair behandelt wird, anstelle mich vornehm raus zu halten. Und schlafe – ganz undeutsch – ohne Gardinen, damit die Sonne mein Gesicht wecken kann. Weil das meine Art zu leben ist.

Was sind Eure ganz persönlichen Regeln?

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Bilder: Brushmeetspaper